Eintragung von Alfons Hörmann ins Gästebuch bei der Eröffnung
Die Olympiasieger Franz Keller und Michael Greis im Gespräch mit Bürgerwerkstatt-Sprecher Helmut Havelka
Ludwig Böck
Hans Riefler Hütte

10 Jahre Skimuseum Nesselwang

Nesselwang

Zum Jubiläum: Tag der offenen Tür am 20.6.2019 im Torgebäude

Mit einem „Tag der offenen Tür“ am 20. Juni 2019 feiert die Bürgerwerkstätte „Skigeschichte Nesselwang“ das 10-jährige Bestehen des Skimuseums im Torgebäude an der Hauptstraße (vgl. Info). Im Juni 2009 wurde es in Anwesenheit von rund 100 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Sport feierlich eröffnet. Viel Lob gab es für die Initiatoren. „Die Ausstellung übertrifft vieles, was ich in den letzten Jahren gesehen habe“, würdigte der ehemalige Präsident des Deutschen Skiverbands Alfons Hörmann aus Sulzberg – heute DOSB-Präsident - die ehrenamtliche Arbeit der Macher.

Nicht nur die zahlreichen Erfolge Nesselwanger Skisportler sind im Torgebäude dokumentiert. Im unteren Raum gewähren historische Ski- und Ausrüstungsstücke, alte Fotos und zeitgenössische Texte einen Blick auf die Pionierzeit des Skilaufs. Die Entwicklung Nesselwangs als Wintersportort wird thematisiert wie der Bau der Alpspitzbahn, die Anfänge im Skilehrwesen und die lange Tradition der örtlichen Skischule. Der obere Raum informiert über den sportlichen Skilauf in der Marktgemeinde. Pokale, Medaillen, Siegerurkunden und Fotos von ehemaligen Spitzensportlern und frühen Wettkämpfen, Wettkampfskier und Trophäen erinnern an aufsehenerregende nationale und internationale Erfolge Nesselwanger Skisportler. Rund 300 Deutsche, Bayerische und Allgäuer Meisterschaften gehen auf ihr Konto; etwa ein Dutzend Wettkämpfer aus der Marktgemeinde nahm an Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften teil. Natürlich sind auch die Nesselwanger Olympiasieger Franz Keller in der Nordischen Kombination und Michael Greis im Biathlon vertreten.

Die Idee zur Skigeschichte

Die Idee, mit einer Ausstellung dem Skisport in Nesselwang ein Denkmal zu setzen, entstand im Gespräch zwischen Helmut Böck, ehemaliger Deutscher Meister in der Nordischen Kombination, und dem Ende 2013 verstorbenen Sportjournalisten und ZDF-Reporter Bruno Moravetz („Wo ist Behle?“). Beide waren sich einig, dass nur wenige deutsche Gemeinden eine so lange und große Skisport-Tradition aufzuweisen haben wie der Markt Nesselwang. In der Festschrift des Skiklubs Nesselwang (SKN) zum 100-jährigen Jubiläum reichen fünf Seiten kaum aus, um alle Erfolge und Spitzenplätze Nesselwanger Skisportler aufzuzählen.

Helmut Böck rief frühere Mannschaftskameraden und ehemalige Skirennläufer an. Sie erklärten sich spontan bereit mitzumachen. Es folgten Gespräche mit den Verantwortlichen der Marktgemeinde. Auch dort griff man die Idee begeistert auf. Das neue Torgebäude bot sich als geeigneter Ausstellungsort an. Die Bürgerwerkstätte „Skigeschichte Nesselwang“ wurde gegründet. Ein Aufruf an die Nesselwanger Bevölkerung, alte Skier, Erinnerungsstücke, Medaillen usw. leihweise zur Verfügung zu stellen, fand starke Resonanz. Skier, die die Entwicklung im nordischen oder alpinen Skisport zeigen, alte Fotos, historische Ausrüstungsgegenstände und Pokale wurden zusammengetragen. Böck bedauert, dass nicht alles ausgestellt werden konnte: „Dafür fehlt einfach der Platz“.

Geschichten hinter den Exponaten

Nicht nur historische Skier, Siegerlisten oder Medaillen verkörpern Nesselwangs Skigeschichte, sondern vor allem Berichte und Erzählungen von Zeitzeugen. Hinter Exponaten, Dokumenten und Fotos stehen Geschichten. Um nur eine aufzugreifen: so ist zum Beispiel ein abgewetzter brauner Lederkoffer mit Aufklebern aus den USA ausgestellt, mit dem Ludwig Böck, Nesselwangs erster Olympionike und Deutscher Meister in der Nordischen Kombination, im Winter 1930/31 nach Amerika gereist ist. Als bester Mitteleuropäer bei den Olympischen Winterspielen 1928 in St. Moritz hatte er in der Nordischen Kombination den 7. Platz erzielt und war zu Wettkämpfen in die USA eingeladen worden, um zusammen mit skandinavischen Skiläufern den noch jungen Skisport in den USA zu fördern. Er besaß nur einen Rucksack, als er die zweimonatige Reise nach Übersee antreten wollte. „Du kannst doch nicht mit dem Rucksack und einem Pappkarton nach Amerika fahren“, sagte Skikamerad Hans Ott und lieh ihm seinen Koffer. Ott`s Tochter, Regina Egger, hat den Koffer der Bürgerwerkstätte überlassen. Hans Ott (geb. 1897) gehörte in den Gründerjahren zu den erfolgreichsten Nesselwanger Skisportlern: viermal wurde er Allgäuer Meister im nordischen Skilauf, dazu noch Meister von Tirol (1923) und Vorarlberg (1924, 1925).

Der Skiklub Nesselwang (SKN)

Ohne den SKN wären die glanzvollen Erfolge Nesselwanger Skisportler nicht denkbar. Am 29.12.1910 auf Initiative des Unternehmers Hans Riefler zusammen mit einem kleinen Kreis Gleichgesinnter gegründet, gehört der SKN zu den traditionsreichsten Wintersportvereinen im Allgäu. Gründungsvorsitzender Hans Riefler erkannte schon früh, welch Potential für den Tourismus im Wintersport steckt. Schon im ersten Jahr nach der Gründung gab der Skiklub eine kleine Broschüre mit dem Titel „Nesselwang im Allgäu – ein ideales Skigebiet“ heraus – die erste Werbeschrift der Marktgemeinde.

Sie ist im Skimuseum ausgestellt. Von Anfang an entfaltete der Skiklub ein reges Vereinsleben, baute Schneeschanzen für den Sprunglauf, veranstaltete Skiwettkämpfe und machte sich daran, das Skigebiet an Alpspitze und Edelsberg zu erschließen. Bereits 1911 errichtete er am Stellenbichl, wo heute die Mittelstation der Alpspitzbahn steht, eine Unterkunftshütte, die „Hans-Riefler-Hütte“. 1913 rief der Klub den Nesselwanger Jugendskitag ins Leben - als ältesten Jugendskitag in Deutschland, der seither alljährlich ausgetragen wird. Fast alle Nesselwanger, die im Ort zur Schule gegangen sind, haben daran teilgenommen. Auch die Olympiasieger Franz Keller und Michael Greis ernteten am Jugendskitag ihre ersten Wettkampflorbeeren.

Skisport im Wandel

Bis in die 1980er Jahre war die nordische Kombination eine Paradedisziplin der Nesselwanger – mit Franz Kellers Goldmedaille 1968 in Grenoble als glanzvollem Höhepunkt. Ludwig Böck war in den 1920er Jahren einer der ersten erfolgreichen Kombinierer im Ort, nach dem 2. Weltkrieg trat Sohn Helmut in seine Fußstapfen und nahm an den Olympischen Winterspielen 1952 und 1956 teil. Zahlreiche Nesselwanger errangen Titel und Spitzenplätze in der Kombination. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts wandte sich das Interesse der skibegeisterten Jugend im SKN aber immer mehr dem Biathlon zu. Die Gründe mögen vielfältig sein. Eine Rolle spielte vielleicht auch, dass die schon 1928 errichtete Sprungschanze am Wanker Berg aufgegeben wurde und die Zahl der einheimischen Springer immer kleiner geworden war. Dem mühsamen und aufwendigen Schanzenbau ist im Museum eine eigene Schautafel mit historischen Fotos gewidmet. Einen Aufschwung im SKN erfuhr dagegen Biathlon mit den Goldmedaillen von Michael Greis in Turin 2007 als Krönung und dem neuen Trendsportcenter. Dabei hat auch Biathlon eine lange Tradition in der Marktgemeinde: „Von der achtköpfigen Biathlonmannschaft bei den Weltmeisterschaften 1971 kamen drei aus Nesselwang“ betont Helmut Havelka, damals Mitglied der Nationalmannschaft. Mit Philipp Nawrath ist es in letzter Zeit wieder einem Nesselwanger Biathleten gelungen, den Anschluss an die Weltspitze zu finden. Mehrere Info-Tafeln und eine Vitrine im Skimuseum rücken den Biathlonsport ins rechte Licht.

Das Sportheim Böck

Kein anderes Haus ist so eng mit der Geschichte des Nesselwanger Skisports verbunden wie das Sportheim Böck. 1933 von Ludwig Böck erbaut war es schon in den dreißiger Jahren ein gefragter Stützpunkt für Skikurse, Skitouren und Trainingslehrgänge. Als erster staatlich geprüfter Skilehrer Nesselwangs gab Ludwig Böck Skikurse für Hausgäste. Die Deutsche Sportschule Berlin belegte das Haus mit Skilehrgängen für angehende Lehrer. „Für meine Eltern ein sicheres Einkommen in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit“, sagt Sohn Herbert, der 1960, nach dem Tod des Vaters, den traditionsreichen Berggasthof übernahm. 1943 wurde das Sportheim von der Wehrmacht beschlagnahmt und diente bis Kriegsende der Hitlerjugend zur Wehrertüchtigung. Heute gehört es zur Alpspitzbahn und ist als beliebter Treffpunkt für Gäste und Einheimische, Jung und Alt, Schneesportler und Wanderer weit über die Grenzen des Marktes bekannt.

Aus der neueren Geschichte der Marktgemeinde ist der Skisport nicht wegzudenken. Die Bürgerwerkstätte möchte die Erinnerung an seine glanzvolle Vergangenheit wachhalten, aber auch den Blick auf den Wandel richten, den der Skisport, seine Disziplinen, Techniken und Ausrüstungen genommen haben. Eine Sorge treibt die Macher um: „Wir sterben langsam aus und brauchen dringend Unterstützung, um das Skimuseum weiter betreiben zu können“, sagt Helmut Havelka, zusammen mit Franz Keller Sprecher der Bürgerwerkstatt. Interessenten, die Lust und Zeit haben, um in Abständen von einigen Wochen für wenige Stunden die Aufsicht im Museum zu übernehmen, bittet er dringend, sich zu melden. Es müssen keine ehemaligen Sportler sein. Info-Material wird ihnen an die Hand gegeben.

Text, Fotos und Repros: Ingo Buchelt

Artikel veröffentlicht am 13.06.2019 von Nesselwanger Leben - Informationsblatt 3 / 2019