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Zum letzten Mal HDL in Buchform

Schlieben

„Nischt Jenaues wees man nich“/Ein Jahr nach dem Tod von Hans-Dieter Lehmann erscheint sein letztes Buch

Schlieben/Lebusa. Am Ende seiner Schaffenszeit als Heimaterzähler und Schlieben-Kenner, als Regionalhistoriker und Chronist hätte Hans-Dieter Lehmann zufrieden auf sein großes Wissen schauen können, um sich seiner eigenen Weisheit zu erfreuen. Aber genau das lag Lehmann fern. Der Gegenwart, dem Zeitalter des überall abrufbaren, globalen Wissens, stellte Hans-Dieter Lehmann in seinem letzten, in Kürze erscheinenden Buch die Wissensillusion entgegen. Unter dem Titel „Nischt Jenaues wees man nich“ schreibt er über Geschehnisse, die einst in die öffentliche Wahrnehmung gerückt sind. Weil über sie in der Zeitung geschrieben worden ist, weil die Menschen über sie gesprochen haben und weil sie oft genug Veränderungen brachten. Es ging ihm dabei nicht so sehr um unverrückbare historische Wahrheiten, sondern um Geschichten und Neuerungen, denen Bedeutung und Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Als strenger Historiker hätte er sein Buch wohl „Genau so war es und nicht anders“ getauft. Aber genau das hat er nicht getan.

Denn genügsam und bescheiden ging Lehmann durchs Leben. Ohne Telefon, Fernreisen und ohne viel Tamtam. Genügsam und bescheiden betrachtete er seine Forschungen. Trotzdem oder weil er so ausgiebig und tiefgründig geforscht hatte und zweifelsohne ein riesengroßes Wissen besaß, war sich Schliebens Geschichtsspezialist stets Wissensgrenzen und -lücken bewusst. Er kannte genau den Unterschied zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit. Zwischen Fakten und Fakes. Mit der Feststellung, „Nischt Jenaues wees man nich“, gelingt ihm posthum ein kleiner Geniestreich: Er beschreibt Geschichte, lässt Vergangenes aus dem Vergessenwerden ausbrechen und zeigt damit an vielen Beispielen, wie wichtig der Zweifel für unsere Gegenwart und Zukunft doch ist. Zu zögern und nicht gleich alles für bare Münze zu nehmen, schont unsere Gemüter und Geister, scheint Lehmann mit seinem letzten Buch sagen zu wollen. Ganz besonders in Zeiten digitaler Kommunikation, in der Verschwörungen kursieren, Gerüchte und inszenierte Skandale manchmal Lebensläufe torpedieren und die Menschen verunsichern bis hin zum totalen Vertrauensverlust in Politik, Medien und die Zukunft.

Hatte all das Hans-Dieter Lehmann im Blick, als er seinen Buchtitel wählte? „Nischt Jenaues wees man nich“, würde HDL jetzt mit bübischem Lächeln entgegnen. Doch leider schweigt er seit nunmehr einem Jahr für immer. Dennoch lädt er uns mit diesem Buch zu einer letzten Plauderei ein. Genauso haben es Lehmanns Hinterbliebene, ihnen voran Rainer Becker aus Lebusa, gewollt. „Wir hoffen, das Buch am 31. Oktober, dem Geburtstag von Hans-Dieter, präsentieren zu können“, verrät Rainer Becker schließlich den geplanten Veröffentlichungstermin.

Stephanie Kammer

Artikel veröffentlicht am 15.09.2021 von Amtsnachrichten | Amtsblatt für das Amt Schlieben und die amtsang. Gemeinden 9 / 2021