Gründungslokal des Turnvereins Bockau. (Zeichnung von Gerhard Vogel; eigene Sammlung)
Vereinsfahne von 1872. (Sammlung Regina Stemmler, Bockau).
Turnerkarte (Mitgliedsausweis) von 1897. (Sammlung Regina Stemmler, Bockau)
Jugendturnriege um 1922. (Foto: Sammlung Wolfgang Zeeh, Bockau)
Kinderturnriege 1929. (Foto: Sammlung Wolfgang Zeeh, Bockau)
Der 1928 errichtete Turnplatz in den 1930-er Jahren. (Foto: Bernd Ullmann, Freiberg)

Turnverein Bockau vor 150 Jahren gegründet

Bockau

1869 wurde in Bockau der erste Turnverein gegründet. Er nannte sich schlicht und einfach TV Bockau. Hauptinitiatoren waren die Brüder Julius und Eduard Meichsner, die wenige Jahre zuvor aus Raschau nach Bockau gezogen waren und als begeisterte Turner in ihrem neuen Heimatort ihrer Leidenschaft, dem Turnen, nachgehen wollten. Den letzten Anstoß gab der Besuch eines Turnfestes in Breitenbrunn, an dem sechs Turner aus Bockau teilnahmen.

Am 5. Juli 1869 erfolgte dann in Brückners Schankwirtschaft, dem späteren Gasthof Reichsadler, die Vereinsgründung. 18 Gründungsmitglieder, deren Namen bekannt sind, wählten Julius Meichsner zu ihrem Vorsitzenden und Turnwart. Im Garten der Gastwirtschaft wurden Reck und Barren errichtet und erste Turnstunden abgehalten. Dieses neue turnerische Treiben lockte zahlreiche Zuschauer an und der Verein konnte sich über Zulauf an Vereinsmitgliedern nicht beklagen. Einige Jahre später zog man in Graupners Gasthof um (später als Pechsteins Gasthof bekannt, danach Gemeindeamt und Post). Nun standen dem Verein ein Saal und ein kleiner Turnplatz zur Verfügung. 1909 wurde am Wiesenhang hinter Pechsteins Gasthof in mühseliger Arbeit ein neuer Turnplatz fertiggestellt, der dort war, wo sich heute der obere Parkplatz des Nah & Gut-Marktes befindet.

Am 22. Juni 1870 gab sich der Verein seine erste Satzung. Darin war u. a. geregelt, dass jeden Monat eine Hauptversammlung durchzuführen ist. Der Turnergruß war „Gut Heil“, die Vereinsfarben Rot und Weiß. Die Vereinsmitglieder sollten sich in der Öffentlichkeit so verhalten, dass sie dem Turnverein alle Ehre machen. Weitere Verhaltensregeln wurden in der Turnordnung festgelegt, so u. a.: „Während der Turnstunden sind Essen, Trinken, Rauchen, ungehöriges Lachen und Sprechen untersagt, ebenso das Mitbringen von Hunden auf den Turnplatze“.

1872 fand ein großes Fest statt, auf dem die neu angeschaffte Fahne feierlich geweiht werden konnte. In der Festschrift von 1919 heißt es dazu: „Diese Fahnenweihe, an der sich zum ersten Male auch die Dorfschönen beteiligen durften, blieb noch lange den Einwohnern als ein schönes, gelungenes Fest in Erinnerung.“ Tatsächlich hatten dem Verein wohlwollend gesinnte Frauen einen scheinbar erheblichen Betrag für die Anschaffung einer Vereinsfahne beigesteuert. Das bezeugt auch die gestickte Inschrift auf der Rückseite: „Gewidmet von Jungfrauen 1872“.

Die Beschriftung der Vorderseite lautet: „Turn Verein Bockau - Stark und frei, gut und treu Unsre Loosung sei!“, dazu das sogenannte Turnerkreuz mit den vier „F“ für den Turner-Wahlspruch „Frisch-Fromm-Fröhlich-Frei“. Beim Brand des Gasthofes 1874 konnte die Vereinsfahne vor der Vernichtung bewahrt werden. Übrigens wurde diese verschollen geglaubte Fahne vor einigen Jahren von einer Bockauerin über das Internet ersteigert und nach Bockau zurückgeholt.

Im Laufe der Jahre wechselte der Verein mehrmals seinen Vorsitzenden und auch das wichtige Amt des Turnwartes musste öfters neu besetzt werden. Nach Julius Meichsner waren der Tischler Franz Humanik, der Bäckermeister Ernst Mothes, der Schuhmachermeister Wilhelm Reinhold, der Korbmacher Gottlieb Müller, der Bäcker Paul Baumann, der Braumeister Oskar Eßbach, der Korbmacher Oswald Laukner, der Tischlermeister Richard Humanik, der Schneidermeister Richard Vogel und nach dem Ersten Weltkrieg Ernst Beck als Vereinsvorsitzende im Amt.

Interessant ist es, wenn man beim Recherchieren auf eigene Vorfahren stößt. So erfuhr ich, dass mein Urgroßvater, Oswald Laukner, von 1893 bis 1898 Turnwart und von 1899 bis 1908 Vereinsvorsitzender war. 1908 wurde er zum Ehrenvorsitzenden ernannt.

Der Verein veranstaltete regelmäßig Wett- und Schauturnen, auch Eilbotenläufe, Abendveranstaltungen, Vereinsfeste und Turnfahrten. Zusätzlich hatte sich eine Sängerriege gebildet, die Feste und Fahrten gesanglich begleitete. Es wurden auch Theater- und Konzertabende durchgeführt.

Eine Turnfahrt, als „heitere Leiterwagenfahrt“ bezeichnet, führte 1883 bis nach Karlsbad.

Höhepunkt in der frühen Vereinsgeschichte wurde das Gauturnfest in Bockau, das 1894 anlässlich des 25-jährigen Vereinsjubiläums stattfand.

Über einen Eilbotenlauf von 1902 steht geschrieben, dass am 12. Oktober bei regnerischem Wetter die 5 Kilometer lange Bergstrecke vom Postamt II in Bockau (heute Schneeberger Straße 46) bis zum fast 300 Meter höher gelegenen Jägerhaus von 37 Turnern in 14 Minuten durchlaufen wurde. Was diese Zeit wohl heute wert wäre?

Bis zum Ersten Weltkrieg hatten sich verschiedene Turnriegen gebildet, so die Männerriegen „Vorwärts“ und „Gut Heil“, die Riege „Jahn“ für Zöglinge und eine Damenriege.

Wie bereits geschrieben, hieß der Verein „Turnverein Bockau“. Erst nach 1900 taucht die Bezeichnung „TV 1869 Bockau“ auf. Ob es in dieser Zeit eine offizielle Ergänzung des Vereinsnamens gab, geht aus den alten Unterlagen nicht hervor.

Der Verein galt als recht mitgliederstark, denn in einer Vereinsliste von 1907 waren immerhin 112 Mitglieder eingetragen. 1914 waren es 130 Mitglieder. Gezählt wurden aber nur die sogenannten „ordentlichen Mitglieder“. Das waren Turner, welche das 21. Lebensjahr vollendet hatten. Hinzu kamen noch Turnschüler, die ab einem Alter von vierzehn Jahren in den Verein eintreten durften.

Zum 50-jährigen Jubiläum gab der Turnverein 1919 eine Festschrift heraus, in der auf die Vereinsgeschichte zurückgeblickt wurde. Am Schluss der Schrift gedachte man der verstorbenen Vereinsmitglieder und der im Weltkrieg gefallenen 14 Turnkameraden. Ein tragischer Fall war der plötzliche Tod des siebzehnjährigen Turnzöglings Martin Herrmann, der an den Folgen eines beim Weitspringen erlittenen Armbruches und daraus entstandener Blutvergiftung 1912 verstorben war.

Unter der Leitung des Vereinsvorsitzenden, Schneidermeister Richard Vogel, war das Vereinsjubiläum 1919 trotz der Nachwirkungen des Weltkrieges ein großes örtliches Ereignis geworden.

In dieser Zeit nahmen auch andere sportliche Betätigungen im Verein ihren Platz ein. Neben Handball, Fussball und Boxen hatte sich auch eine Faustballriege gebildet. Ebenso war man im Wintersport aktiv. 1931 und 1932 organisierte der Verein Skiabfahrtsläufe mit Start an der Hohen Tanne nahe der Morgenleithe und Ziel am Waldschlößchen (Trompeterschlößchen).

Inzwischen hatten sich einige neue Sportvereine gegründet, die in Konkurrenz zueinanderstanden. Die Rivalität ging so weit, dass die Riege „Vorwärts“ 1921 geschlossen zum TV Germania Bockau übertrat. Trotz dieses Wechsels bezeichnete man sich aber weiterhin als Brudervereine.

In der Satzung von 1927 ist vermerkt, dass der Turnverein im September 1926 als „Turnverein 1869 Bockau“ ins Vereinsregister eingetragen wurde. Die Bestätigung erfolgte durch das Amtsgericht Aue.

Im Juni 1928 konnte an der Schulstraße, Abzweig Querweg, ein neuer Turnplatz eingeweiht werden. Neben dem Platz war ein Turngeräteschuppen errichtet worden, der zum Umkleiden und Aufbewahren der Sportgeräte diente. Diesen Platz, der keinen offiziellen Namen hatte, nannten die Bockauer „69-er Turnplatz“.

1929 übernahm der Turnverein das ehemalige Fabrikgebäude der Wäschefabrik Gebrüder Simon AG an der Schulstraße und baute den Fabrikraum in eine Turnhalle um (heute Bauschlosserei Ulrich Vulturius). Der Kauf des Grundstückes und die Einweihung der Turnhalle erfolgten 1931.

1934 beanspruchten die SA und Untergliederungen der NSDAP die Turnhalle zur unentgeltlichen Nutzung, wogegen der Vereinsvorsitzende des Turn- und Sportvereins, Ernst Beck, protestierte. Dieser Protest hatte aber keinen Erfolg, wie man sich vorstellen kann.

Als Ergebnis der nationalsozialistischen Gleichschaltung hatten sich im Januar 1934 der TV 1869 und der Fussballverein SC Teutonia Bockau zum Turn- und Sportverein Bockau zusammenschließen müssen. Aus den erhalten gebliebenen Unterlagen geht allerdings hervor, dass der TV 1869 in den Jahren 1936 und 1937 im Gasthof „Reichsadler“ eigene Jahreshauptversammlungen durchführte. Offenbar hatte man eine gewisse Eigenständigkeit beibehalten können.

Um 1942 kam der Sportbetrieb infolge des Zweiten Weltkrieges zum Erliegen.

Nach dem Krieg wurde der TV 1869 aufgelöst und sein Vermögen beschlagnahmt. Der Turnplatz wurde zunächst der Jugendheim GmbH Dresden übereignet. 1950 erfolgte dann die Übertragung des Grundstückes an die Gemeinde Bockau.

Vermutlich schon gegen Ende des Krieges, aber auf alle Fälle in den ersten Nachkriegsjahren, war der 69-er Platz als Kleingartenanlage genutzt worden. Im September 1951 forderte der stellvertretende Bockauer Bürgermeister in einem Schreiben die Betreiber der Anlage auf, bis Ende Oktober 1951 alle Obstbäume und Beerensträucher zu entfernen. Auf dem Gelände war der Bau einer Turnhalle vorgesehen. Bäume und Sträucher wurden entfernt, die Turnhalle dort allerdings nie gebaut.

Den „69-er Turnplatz“ kennen die älteren Leser sicherlich noch als Schulsportplatz, auf dem bis in die 1960-er Jahre gelegentlich auch die Bockauer Handballer und Fußballer trainierten. Er wurde zudem als Festplatz genutzt, so unter anderem beim Heimat- und Schulfest 1957.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war es vor allem Johannes Humanik, der das wettkampfmäßige Turnen wieder aktivierte. Nach einigen Jahren hielten dann nur noch die Hausfrauen unter ihrer langjährigen Leiterin Christine Herrmann die alte Tradition des einstigen Turnvereins am Leben. Leider löste sich im vergangenen Jahr diese Turnriege auf.

Reinhard Laukner
Artikel veröffentlicht am 12.06.2019 von Bockauer Nachrichten 7 / 2019