Zahlreiche Landwirte und Politiker nahmen am „Erntegespräch 2019“ teil
In sechs großen Silos kann die RWZ Getreide lagern
Die Anlieferung der Ernteerträge ist eine staubige Angelegenheit
Der direkte Zugang zum Rhein ist ein logistischer Vorteil für die RWZ .
BWV-Vizepräsident Manfred Zelder (stehend) informierte über die Ernteergebnisse

Klimabedingte Ernterückgänge machen den Landwirten zu schaffen

Altenahr

RWZ-Agrarhandelsplatz in Andernach ermöglicht Bauern die Teilnahme am Weltmarkt

ANDERNACH. KS. Die „Raiffeisen-Waren-Zentrale“ (RWZ) war Gastgeberin für das „Erntegespräch 2019“ des „Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau“ (BWV). In dem 2006 eingeweihten Zentrum für Agrarhandel befindet sich der Sitz der RWZ-Vertriebsgruppe Mittelrhein, die von Dr. Stefan Zimmer geleitet wird. Er prognostiziert dem Standort Andernach eine hohe Zukunftsfähigkeit, für die unter anderem zwei Gründe sprechen: Man besitzt einen direkten Zugang zum Rhein und damit die logistische Basis für den Umschlag größerer Mengen relevanter Handelswaren zu wettbewerbsfähigen Konditionen; vor Ort sind alle Ressourcen und Kompetenzen vorhanden, die der Genossenschaft und ihren Kunden eine Teilname am Weltmarktgeschehen ermöglichen. Den Worten von Zimmer war entnehmbar, dass die Landwirte diese Möglichkeit noch zu wenig nutzen.

Viele RWZ-Kunden stehen zurzeit unter einem massiven wirtschaftlichen Druck. Gemeint sind die Landwirte, denen das heiße und trockene Klima teilweise erneut einen unbefriedigenden Ernteertrag mit folgenschweren Qualitätseinbußen bescherte. Laut Manfred Zelder, BWV-Vizepräsident, sind die Auswirkungen auf die betroffenen Kulturen im Verbandsgebiet jedoch heterogen, weil die jeweiligen Böden unterschiedliche Wasserhaltefähigkeiten aufweisen. Die Ernteergebnisse bei der Wintergerste fielen positiv aus und auch der Rapsertrag lag nur knapp unter dem fünfjährigen Mittelwert – bei durchschnittlich über 42% Ölgehalt. Die Erntemenge der Braugerste bezeichnete Zelder ebenfalls als zufriedenstellend, wobei ihn jedoch der Vollgerstenanteil von unter 90% bekümmert. Er forderte die Mälzer zur Akzeptanz eines Vollgerstenanteils ab 80% auf, da das Getreide dann vermälzungsfähig sei. Große Sorge bereitet der Winterweizen, dessen Wachstum durch die Dürreperioden stark beeinträchtigt wurde – mit über 100.000 Hektar hat der Weizenanbau einen Anteil von 25% an der rheinland-pfälzischen Ackerfläche, was sie zur mit Abstand bedeutendsten Getreidesorte macht. Laut dem „Statistischen Landesamt Bad Ems“ lag die Erntemenge 0,3 Tonnen unter dem 5-Jahreswert – erschwerend hinzu kommen niedrige Eiweißgehalte. Trotzdem mahnte Zelder an, dass der Weizen zum Backen geeignet sei und nicht als Futterweizen vermarktet werden sollte. Er forderte die Mühlenbetriebe auf, die Kontraktbedingungen den witterungsbedingten Folgen anzupassen.

Kummer bereitet die Situation beim Viehfutter, die laut Zelder massive Versorgungsprobleme befürchten lässt. Der Mais entwickle sich augenblicklich in vielen Landesgegenden schlecht und beim Grünschnitt würden den Betrieben mittlerweile 25 bis 30% des Gesamtertrags fehlen. Um Futterlücken zu schließen, seien viele Bauern auf Ausnahmegenehmigungen angewiesen, wie sie Landesminister Dr. Volker Wissing auf den Weg gebracht habe: sie erlaubt die Futternutzung und Beweidung brachliegender Ackerflächen, die im Rahmen ökologischer Vorrangflächen angelegt wurden.

Skeptisch beurteilt der BWV die kommende Weinlese. Sie dürfte, so Zelder, regional sehr unterschiedlich ausfallen. Ursachen hierfür seien die Auswirkungen des Klimawandels, die in einigen Gegenden zu Wetterextremen wie Starkregen und Hagel geführt haben. Die vergangenen Hitzewellen haben bei etlichen Trauben zu Sonnenbrand geführt, was sich ebenfalls in der Erntemenge negativ niederschlagen dürfte.

Mit Blick auf das Obst machte Zelder der Politik den Vorwurf, dass diese in Deutschland Pflanzenschutzmittel verboten habe, die ansonsten in Mitteleuropa nach EU-Recht eingesetzt würden. Da viele Verbraucher zu Obst aus der Türkei, Spanien oder anderen Ländern greifen, würde dieses Verbot mit Blick auf das Argument „Verbraucherschutz“ konterkariert, da dort die verbotenen Mittel eingesetzt würden. Laut Zelder werden sie diese Wettbewerbsverzerrung nicht mehr lange aushalten. Es bestehe ein großes Risiko, dass die Obstproduktion mehr und mehr in Drittländer abwandere.

Zelder wäre ein schlechter Lobbyist, wenn er am Ende seiner Rede nicht zahlreiche Forderungen an die Politik gerichtet hätte. Zu diesen zählen die Einführung einer steuerfreien Rücklage sowie die deutliche Senkung der Steuersätze auf Düngemittel und Agrardiesel. Die Diskussion um die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln und deren Einsatz in den Ländern der gleichen EU-Schutzzonen müsse sachlicher und sachgerechte als bisher geführt werden. Laut Zelder zeigt das Beispiel Raps, dass die politische und öffentliche Diskussion über die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln vielfach ideologisch verblendet sei.

Artikel veröffentlicht am 20.08.2019 von Mittelahr Bote 34 / 2019