Das Gebäude an der August-Bebel-Straße 113.
Das Hauptgebäude an der August-Bebel-Straße 120.
Blick in die Klempnerei der Firma Ludwig Hutzler.
Das Haus an der August-Bebel-Straße 124.

Die Firma Ludwig Hutzler Metall- und Lackierwarenfabrik Beierfeld

Grünhain-Beierfeld Grünhain

Im Jahre 1902 (Gründung 31.12.1901) begann Ludwig Hutzler, der 1898 als Prokurist zur Firma Frank gekommen war, ein eigenes Grossistengeschäft an der August-Bebel-Straße 177. Des Gründers Brüder Ignatz und Isaak Hutzler traten später als Teilhaber bei.

Sein Vorgehen war für viele kleine Klempnereien unseres Ortes günstig, indem sie zur Herstellung von Artikeln veranlasst wurden, die man bisher noch nicht hier fertigte und die lohnender waren als die alten.

Ludwig Hutzler begann 1903 schon mit eigener Fabrikation im Haus Nr. 113 an der August-Bebel-Straße.

Die Firma stellte Massenartikel wie Wärmflaschen (1909 z. B. 100000 Stück zu je 60 Pf.), Teesiebe und Schuhanzieher her.

1912 begann man mit Aluminiumwaren. In kurzer Zeit entwickelte sich diese Fabrikation zur höchsten Blüte. Man lieferte z. B. einen 14er Milchtopf für 70 Pfg., einen Satz 18 und 12 cm Töpfchen zu 74 Pfg. franko an sämtliche Bahnstationen Deutschlands. Die großen Berliner Warenhäuser bezogen diese Artikel in Massen von Ludwig Hutzler. Der Katalog für Aluminium umfasste 1913: 2000 Artikel, der für die anderen Waren 4000.

In den Jahren 1914/15 errichtete die Firma das Hauptgebäude an der August-Bebel-Straße 120.

1916 wurde das benachbarte Fabrikanwesen Haus Nr. 124 (vormals Firma Paul Zschiedrich) hinzuerworben.

Die Firma beschäftigte 1923 durchschnittlich 300 Arbeiter und 70 Angestellte, außerdem eine Anzahl Lohnbetriebe in Beierfeld und Umgebung. Fabriziert und verhandelt wurden Aluminiumwaren, einige Schwarzblechartikel (Gießkannen, Einkochapparate u.a.), Weißblechwannen, Nickelsachen und Lackierwaren (Haus- und Küchengeräte).

Nach dem 1. Weltkrieg haben die Sortimente nachgelassen. Der Krieg unterbrach hier eine glänzende Entwicklung durch die Notmaßnahmen der Aluminiumbeschlagnahme.

Die Firma wurde 1923 Aktiengesellschaft unter dem Titel Hutzler & Pretsfelder durch den Zusammenschluss der ehemaligen Einzelfirmen Ludwig Hutzler Beierfeld, Lange & Co Fürth und Gebr. Pretsfelder Stadeln und Stollberg.

Mit der Machtergreifung der NSDAP 1933 und der einsetzenden systematischen Verfolgung der Juden wurde die Firma schrittweise in den Ruin getrieben.

Seit dem 01.05.1935 befand sich die Aktiengesellschaft in Liquidation. Dadurch wurden die drei Betriebe Beierfeld, Stadeln und Fürth wieder Einzelfirmen. Seit dem 01.01.1936 führte Ignatz Hutzler den Betrieb in Beierfeld unter der Firmenbezeichnung Ludwig Hutzler Metall- und Lackierwarenfabrik weiter.

Ignatz Hutzler hatte 4 Kinder. Der jüngste Sohn Lehmann Richard Hutzler (nennt sich heute Uri Hutzler) floh mit seiner älteren Schwester Lea Liddy Hutzler 1935 vor dem Faschismus nach Jagur bei Haifa (Palästina). Später erwarb Uri Hutzler in Israel einen Weinberg. Der älteste Sohn, Ludwig Hutzler war seit 1936 Ingenieur in Paris und wanderte 1937 nach Palästina aus. Die jüngere Schwester Sophie Hutzler verheiratete sich am 08.04.1938 mit dem Kaufmann Siegmund Klein aus Preßburg (heute Bratislava) und zog 1938 nach Prag. Die Einreise zur Trauung wurde beiden Eltern verweigert.

Im Oktober 1938 werden gegen Ignatz Hutzler vom Oberfinanzamt Leipzig Sicherungsanordnungen erlassen. Nunmehr kann er über sein gesamtes Vermögen nur noch mit Genehmigung des Oberfinanzpräsidium Leipzig verfügen. Begründet wurde diese Maßnahme mit Abwanderungsverdacht. 2000,00 RM konnte die Familie Hutzler pro Monat von einem Sperrkonto abheben.

In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 setzten sich Mitglieder der SA und weiterer NS-Organisationen in Marsch, verwüsteten jüdische Wohnungen und steckten Synagogen in Brand und zerstörten die Geschäfte von ungefähr 7000 jüdischen Geschäftsleuten in Deutschland. Die Pogrome wurden durch eine Hetzrede Joseph Goebbels am Abend des 9. November 1938 anläßlich eines Treffens der NSDAP-Führung in München ausgelöst. Als Anlass wurde die Ermordung des deutschen Diplomaten Ernst Eduard von Rath durch den siebzehn jährigen Juden Herschel Grynszpan, dessen Eltern vorher nach Polen abgeschoben wurden, genommen. Nach Goebbels Rede telefonierten die SA-Führer mit ihren Stäben und gaben Marschbefehle an die Mannschaften. In einem Fernschreiben von Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes der SS vom 10. November 1938 erhielt die Polizei Weisung bei auftretenden Demonstrationen keine Maßnahmen zum Schutz jüdischen Eigentums einzuleiten.

Auch die Wohnung des Firmeninhabers Ignatz Hutzler wurde durch junge SS und SA-Leute zerstört. Die Polizei griff nicht ein. Die Familie war zufällig auf Reisen.

In einem Augenzeugen-Bericht von Frau Hildegard Frank, geb. Stiehler wird folgendes berichtet:

Im November zur "Kristall-Nacht" war ich gerade in Beierfeld. Vormittags gegen 10 Ihr kamen so ca. 10 Männer in Zivil und Einer in SA-Uniform die Dorfstraße herauf. Mein Vater (verstorben) war auch gerade in der Küche und meinte, sie werden wohl den Betrieb von der Fa. Hutzler kaufen wollen. Sie gingen hinein und kurz danach ging in der Wohnung ein gepolter und ein Krach los. 2 Männer blieben am Eingang der Straße stehen. Es wollten gleich einige Arbeiter vom anderen Betrieb gegenüber zur Verhütung der Verwüstung eilen. Die beiden Männer, die zur Wache standen, ließen sie aber nicht hinzu. und sagten: "Gehen sie zu ihrer Arbeit.“ Mit den Stühlen haben sie sämtliche Fensterscheiben durchgeschlagen, die Büfett im Wohn- und Speisezimmer gleich umgestürzt, sodass die Glassachen u. Porzellan, die drin standen alle zerbrochen sind. Die Gossen im Schlafzimmer und im Bad, sowie die Badewanne wurden mit Spitzhacken abgeschlagen. Die Sofas wurden ebenfalls mit den Spitzhacken aufgeschlitzt, sodass die Federn heraus spießen. Und zuletzt die Federbetten aufgeschlitzt und im ganzen Haus rumgestreut.

Das Ehepaar Hutzler war nicht zu Hause, nur das Dienstmädchen Paula u. guckte oben, links von der Sraße aus zum ....fenster raus und hielt sich die Hand vors Gesicht. Ich musste weinen als ich das sah. Spies Otto, ein Neffe, welcher im Büro mit tätig war, (auch verstorben) war auch da. Ein oder zwei Tage später ist meine Mutter u. ich abends rüber gegangen u. haben es uns angeschaut. Es war furchtbar. Frau Hutzler war allein, denn Herrn Hutzler hatten sie an diesem Tag gleich verhaftet. Frau Hutzler sagte noch zu uns: Und so was nennt sich Christen! Hätten sie uns lieber alles weggenommen u. armen Leuten gegeben, da hätten sie wenigstens ein gutes Werk getan. Soweit mein Augenzeugen-Bericht.

In der Beierfelder Kirchenchronik ist vermerkt, dass ein großer Teil der Bevölkerung über dieses Verhalten empört war, aber am Eingreifen von den SS- und SA-Schlägertrupps unter Androhung von Gewalt zurückgehalten wurde. Die Familie Ignatz Hutzler war jahrzehntelang in Beierfeld ansässig und wegen ihres ruhigen und anständigen Verhaltens und wegen ihrer Spendenbereitschaft insbesondere für die ärmeren Schichten der Bevölkerung allgemein hochgeschätzt.

Die Judenpogrome am 9. November 1938 waren der Auftakt gezielter Aktionen der Nationalsozialisten mit dem Ziel Deutschland ”judenfrei” zu machen. Hermann Göring war Koordinator dieser Maßnahmen, die eine konsequente Entfernung aller Juden aus dem deutschen Kulturleben zur Folge hatte.

Im Zuge der Arisierung wurden das Firmeneigentum und der private Grundbesitz beschlagnahmt. Jüdische Einzelhandelsgeschäfte und Handwerksbetriebe durften lt. Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben vom 12.11.1938 ihre Geschäfte nach der ”Reichskristallnacht” nicht wieder öffnen. Eine Wiedereröffnung darf nur erfolgen, wenn die Überführung in nicht jüdische Hand gesichert ist. Ist die ordnungsgemäße Geschäftsführung im volkswirtschaftlichen Interesse ist darauf hin zu wirken, dass fachlich geeignete Mitglieder der Belegschaft das Unternehmen weiterführen, bis Verhandlungen zur Überführung in nicht jüdischen Besitz eingeleitet werden.

Als Treuhänder wurden im Auftrag der Landesregierung Sachsen (Oberfinanzpräsidium Leipzig) zunächst zwei Belegschaftsmitglieder der Firma Hutzler als sog. Vertrauensleute bestellt, ehe die Firma dann an die Firmen Hermann Junghanns, Paul Kirchhof und Hermann Nier zu Billigpreisen verkauft wurde.

Die Firma Kirchhof erhielt 1939 die Lackiererei und den Großhandel an der August-Bebel-Straße 113 (später VEB Industrielackierung, 2003 abgerissen), die Firma Hermann Nier erhielt 1940 das Fabrigebäude an der August-Bebel-Straße 126. Im letzteren errichtete die Firma eine Lackiererei. Im Haus August-Bebel-Straße 126 eröffnete 1963 der VEB Meßgerätewerk Beierfeld eine Schülerproduktionsabteilung. Die Firma Hermann Junghanns erhielt 1942 das Fabrikgebäude an der August-Bebel-Straße 120.

Die Wohngebäude an der August-Bebel-Straße 122, 124, 139 und an der Goethestraße 13 wurden ebenfalls an die vorgenannten und weitere private Interessenten verkauft.

Auch die von Ignatz Hutzler seit 1915 nebenberuflich betriebene Landwirtschaft mit 8 ha Feld und Wiese sowie 10 Stück Großvieh wurden enteignet. Im Zuge der Arisierung musste Ignatz Hutzler die Grundstücke 1939 an die Gemeinde verkaufen. Die Gemeinde verkaufte oder verpachtete sie dann an private Interessenten. Der Generalbevollmächtigte von Ignatz Hutzler, Jakob Israel Alexander aus Fürth und der vom Oberfinanzpräsidum als sog. Vertrauensmann eingesetzte Beierfelder Rechtsanwalt Dr. Rudolf Leicht, erreichte zwar 1941 beim Oberfinazpräsidum Leipzig, daß Ignatz Hutzler den mit der Gemeinde vereinbarten Preis erhielt. Jedoch musste das Geld auf das einzige noch bestehende Sperrkonto gelegt werden, über das die Familie Hutzler nicht verfügen konnte. Am 12.11.1938 wurde auch eine 20 % Judenvermögensabgabe erhoben.

Seit dem 3.4.1939 werden alle Juden von der Nutzung des Gemeindevermögens ausgeschlossen. Der Besuch von öffentlichen Veranstaltungen war ihnen verboten, vom Besuch von Schulen und Hochschulen waren sie ausgeschlossen. Zudem gab es Beschränkungen des Wohnrechts, in der öffentlichen Fürsorge und weitreichende Berufsverbote. Seit 1939 kann jüdischen Mietern von gemeindeeigenen Wohnungen jederzeit gekündigt werden. Seit September 1939 dürfen Juden nur noch in bestimmten für sie zugewiesenen Geschäften kaufen.

In folgenden Beierfelder Geschäften durfte die Familie Hutzler nur noch ihren Einkauf tätigen:

Kauf von Brot

Bäckerei Schwarz

August-Bebel-Str. 107

Kauf von Weißwaren (z. B. Semmeln)

Bäckerei Fritzsch

August-Bebel-Str. 135

Kauf von Milch

Milchhändler Schreier

Waschleither Str. 21

Kauf von Fleisch

Fleischerei Max Lauckner

August-Bebel-Str. 118

Sonstiges

Kaufmann Alfred Roth

August-Bebel-Str. 125

Im Jahr 1939 gibt es für die Bevölkerung wieder Bezugsscheine für wichtige Lebensmittel. Am 20.09.1939 wird in der Wohnung der Familie Hutzler an der August-Bebel-Straße 122 eine Durchsuchung nach Handelswaren durchgeführt. Beschlagnahmt werden 20 Dosen Milch je 0,5 l und drei kleine Dosen Seelachs.

Im Herbst 1939 befand sich Ignatz Hutzler in Schutzhaft bei der Staatsanwaltschaft in Zwickau. Nach seiner Entlassung war er ohne Beschäftigung. Am 06.01.1941 konnten Ignatz Israel Hutzler und seine Ehefrau Minna Sara geb. Pretsfelder nach Südamerika (Cuenca Ecuador) über Berlin, Moskau und Jokohama mit Unterstützung von Bürgermeister Albert Andreas auswandern. Bürgermeister Andreas hatte der Familie ein positives Sittenzeugnis und eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt und beim Landratsamt um eine beschleunigte Ausstellung eines Visums wegen der Wohnungsnot in Beierfeld gebeten.

Das Vermögen (insbesondere das Geldvermögen) der Familie Hutzler fiel auf Grund der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25.11.1941 an das Deutsche Reich.

Hier zeigt sich wie durch politischen Radikalismus sowie Neid und Hass auf die Besitzenden eine glänzende Entwicklungen je unterbrochen wurde.

Am 20. Januar 1942 entschieden fünfzehn Vertreter der Ministerialbürokratie und der SS in einer Villa am ”Großen Wannsee” in Berlin die Juden Europas in den Osten zu deportieren und zu ermorden.

Erst aufgrund eines Beschlusses des Landratsamtes Aue - Schwarzenberg vom 10.08.1994 erhielt die Familie Hutzler, deren Mitglieder überwiegend in den USA leben, alle Grundstücke und Gebäude zurück. Unter Vorsitz von Dr. Jeschajahu Hutzler, dem Sohn von Uri Hutzler aus Israel, besteht seit 1994 eine Vermögensverwaltungsgemeinschaft bürgerlichen Rechts der 18 Erben. Seit 1994 können die Anwesen von privaten Interessenten von der Vermögensvewaltungsgemeinschaft käuflich erworben werden.

Im Grundstück an der August-Bebel-Straße 113 steht seit 2003 die neue Werkhalle der Firma ”Express Schilderdienst, Inhaber Ullrich Göthel.”

Thomas Brandenburg
Artikel veröffentlicht am 15.05.2019 von Grünhain-Beierfeld 6 / 2019