Die älteste Urkunde von 1691 (Sammlung Johannes Vulturius)
Fahne des Freundschaftsbundes aus dem Jahr 1900 (Foto: eigene Sammlung)
Vereinsjubiläum des Freundschaftsbundes um 1925 (Foto: Pfarrarchiv Bockau)
Um 1925: Vorstandsmitglieder neben der geöffneten Lade (Foto: Pfarrarchiv Bockau)

Die Bockauer Begräbnisgesellschaften

Bockau

Die älteste Bockauer Vereinigung wurde, alten Angaben zufolge, im Jahr 1657 gegründet. Es war dies eine Begräbnisgesellschaft, für die man anfangs auch die Bezeichnung „Societät“ gebrauchte. Als Initiatoren werden 16 Männer genannt, die in einem untertänigsten Gesuch an das wohllöbliche Amt zu Schwarzenberg um Erlaubnis zur Gründung der Gesellschaft baten. Die Erteilung des Privilegs soll allerdings erst im Jahr 1667 erfolgt sein.

Die Gründer zählten zu den angesehensten Einwohnern des Ortes. Sie machten es sich zur Aufgabe, die Ihrigen im Todesfall auf ehrbare christliche Weise zur letzten Ruhestätte auf den hiesigen Gottesacker zu bringen. In den Statuten waren die Rechte und Pflichten der Mitglieder genau geregelt. Aus den Mitgliedsbeiträgen wurde die Beerdigung finanziert und den Hinterbliebenen eine Unterstützung gewährt. Das war für die damalige Zeit eine beachtliche soziale Leistung.

Erhalten geblieben sind handschriftliche Akten aus dem Jahr 1690. Vermutlich war die Gesellschaft 1690 erneuert oder neu gegründet worden. „Balthasar Kieß aus der Buckau“ hatte ein mehrseitiges Dokument beim Kurfürstlich Sächsischen Amt in Schwarzenberg vorgelegt, das am 25. Juni 1691 positiv beschieden wurde.

Balthasar Kieß und Jacob Leichsenring wurden danach als Ladenvorsteher genannt. Beisitzer waren u. a. Johannes Weiß, Michael Herrmann, Andreas Püschel.

In den Statuten von 1690 beschrieb man die Pflichten gegen Gott und gegeneinander. Jeder solle sich „... eines christlichen erbarn und Gott wohlgefalligen Lebens befleißigen ...“.

Neben den Steuern und Einlagen zur Erhaltung der Gesellschaft wurden aber auch Verhaltensregeln und Strafzahlungen festgelegt, die darauf schließen lassen, dass es mitunter auch kritikwürdiges Verhalten gegeben haben muss. Man glaubte, durch Bußgelder das Fehlverhalten korrigieren zu können. So wurde zum Kirchgang angemahnt und dass die Männer „... auch sonntags unter den Predigten weder in ihren noch anderen Haußern Spielen, Trinken und Zechen oder andere ungebührliche Dinge vornehmen, bei Strafe 10 gl.“ (gl = Groschen; d.V.).

Mehrfach ging es um den übermäßigen Biergenuss: „... Damit das Bier als andere Gabe Gottes mit guter Vernunft möge genoßen, und nicht mit trunckenen Gebärdten mißbrauchet werde, soll derjenige ... 2 gl. Straffe geben“.

Wer nicht verschwiegen war, hatte ebenfalls Strafe zu zahlen: „... wann einer etwas ausschwätzet, so etwa bei offener Lade vorgegangen, der soll 2 gl. Straffe dafur geben.“

In den Anfangsjahren trat in unserem Gebirge noch die Pest auf. Pesttote mussten schnell begraben werden. Deshalb schrieb man: „... ein Totengräber muss beschaffet und solche Leiche geistlich möge bestattet und nicht etwa von Hunden ... gefressen werden“. Die Verstorbenen wurden abends außerhalb des Dorfes auf dem Peststeig zum Gottesacker gebracht. Es wird berichtet, dass in Pestzeiten die Mitgliederzahl der Begräbnisgesellschaft einmal bis auf sechs Personen zurückgegangen war.

1729 erfolgte eine Überarbeitung der Statuten und die Gesellschaft wurde nochmals bestätigt. Hauptleistungen blieben weiterhin das kostenlose Begräbnis der verstorbenen Mitglieder und die finanzielle Versorgung der Hinterbliebenen.

Aus Furcht vor Plünderungen durch Soldaten sollen während des Siebenjährigen Krieges im Jahr 1760 die vorhandenen 54 Taler Ladengeld aufgeteilt worden sein. Man behielt in der Lade nur einen Rest von 15 Talern.

1848 gründete der hiesige Einwohner Christian Gottlieb Kunzmann die „Leichenkassengesellschaft Freundeshand“, einen Verein mit gleichen Zielen wie der bereits bestehende. Warum dieser konkurrierende Verein gegründet wurde, ist nicht überliefert.

Obwohl in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Mitgliederzahl der ursprünglichen Begräbniskassengesellschaft offenbar zurückging, verfügte sie 1875 über ein beachtliches Vermögen von reichlich 5.300 Mark.

1890 verfassten neun Bockauer ein Schreiben an die Amtshauptmannschaft Schwarzenberg. Die Unterzeichner baten darum, einen neuen Verein bilden zu dürfen, der sich „Freundschaftsbund“ nennen soll. Man gab als Zweck Unterstützungen im Krankheitsfall an, bat gleichzeitig aber auch darum, jährlich einige Vergnügungen abhalten zu dürfen.

Die Amtshauptmannschaft forderte daraufhin vom Bockauer Gendarm Hermann Reinhardt Informationen über die Gründer des Vereins, besonders über deren Leumund. Reinhardt berichtete, dass der Verein aus etwa 25 Mitgliedern bestehe, viele davon Korbmacher und Fabrikarbeiter, von denen vor allem einige Korbmacher keiner Krankenkasse angehörten. Die bisherigen Versammlungen wären in „Leichsenrings Gasthof“ (später Gasthof „Zur Linde“, heute „Sachsenhof“) abgehalten worden. Sozialdemokratische Bestrebungen seien nicht erkennbar. Über den Vereinsvorsteher, Waldarbeiter Gustav Schuster, und die anderen Vorstandsmitglieder konnte nichts Nachteiliges berichtet werden. Lediglich der stellvertretende Schriftführer, P. H., sei zweimal wegen groben Unfugs von der Ortsbehörde Bockau mit Geldstrafen belegt worden.

Schließlich stimmte die Obrigkeit der Gründung des neuen Vereines mit dem Namen „Freundschaftsbund“ zu.

1895 und 1897 wurden die Statuten den veränderten Bedingungen angepasst und auf die Zahlung von Sterbegeld sowie die kostenlose Bestattung erweitert. Der Verein hatte inzwischen 90 Mitglieder.

Die übrig gebliebenen Getreuen der alten Begräbnisgesellschaft traten nun nach und nach dem neuen Verein bei und übergaben die Vereinslade mit allen noch vorhandenen alten Dokumenten.

1900 wurde eine Fahne angeschafft, die im Gasthof „Zur Linde“ von Pfarrer Seyfferdt feierlich geweiht wurde. Diese Vereinsfahne ist erhalten geblieben. Sie wird im Archiv der Gemeinde Bockau aufbewahrt.

In den 1920er-Jahren wurde in der Satzung als vollständige Bezeichnung des Vereins angegeben: Unterstützungsverein „Freundschaftsbund“ Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit (VAG). Der Verein war jetzt eine Art Hilfskasse und hatte das Wort „Versicherung“ im Vereinsnamen. Man könnte ihn im weitesten Sinne mit der heutigen Sterbegeldversicherung vergleichen.

1929 trat die Begräbniskassengesellschaft „Freundeshand“ nach mehrjähriger Pause wieder in Aktion. 1932 hatte sie 483 Mitglieder. Der „Freundschaftsbund“ zählte zu dieser Zeit bereits über 1300 Mitglieder.

1936 war die Mitgliederzahl des Unterstützungsvereins „Freundschaftsbund“ auf 2237 angewachsen. Das Barvermögen betrug mehr als 22.200 Reichsmark, obwohl der Monatsbeitrag bei lediglich 35 Reichspfennigen lag. Ein geringer Beitrag entfiel auf die sogenannte „Leichenwagensteuer“.

Ab 30 Jahren Vereinszugehörigkeit waren die Mitglieder von den monatlichen Beitragszahlungen befreit. Neben der kostenlosen Bestattung war die finanzielle Unterstützung für die Hinterbliebenen je nach Dauer der Zugehörigkeit des verstorbenen Vereinsmitgliedes geregelt und betrug zwischen 90 und 275 Reichsmark.

Die beiden letzten Vereinsführer des Freundschaftsbundes waren Schlossermeister Albin Vulturius (von 1904 bis 1926) und Werkmeister Ernst Gläser (ab 1926).

Vorsteher der Begräbniskassengesellschaft „Freundeshand“ war der Kaufmann Gustav Müller.

1937 erfolgte die Zwangsvereinigung beider Gesellschaften „Freundeshand“ und „Freundschaftsbund“. Unter dem gemeinsamen Namen „Freundschaftsbund“ wurde der Verein vom Vorstand desselben weitergeführt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es nicht sofort zur Auflösung des Unterstützungsvereins „Freundschaftsbund“. Das könnte damit zusammenhängen, dass man den Verein zunächst als Versicherung betrachtete. Alte Mitgliedsbücher belegen, dass von den Mitgliedern noch bis Dezember 1946 regelmäßig Monatsbeiträge und die Leichenwagensteuer gezahlt wurden. Schließlich griff aber auch hier der Befehl der SMAD (Sowjetische Militäradministration in Deutschland). Der Unterstützungsverein „Freundschaftsbund“ wurde aufgelöst und sein Vermögen eingezogen.

An eine alte Tradition sei noch erinnert: Früher wurden die Verstorbenen im Trauerhaus aufgebahrt. Am Tag der Beerdigung fuhr der Leichenwagen dorthin. Das war ein meist von zwei oder vier schwarzen Pferden gezogener, reichlich verzierter, schwarzer Wagen mit einem besonderen Aufbau. An den Seiten befanden sich große Glasscheiben, durch die der Sarg zu sehen war. Auf der letzten Fahrt zum Friedhof ging das „halbe Dorf“ mit. Die Spitze des Trauerzuges bildete der Kantor mit den Chorjungen. Dahinter folgten Vertreter von Vereinen, die so ihr verstorbenes Vereinsmitglied ehrten. Sie hatten ihre Festuniformen angelegt und führten die Vereinsfahnen mit. Den Leichenwagen flankierten die Leichenträger in der Tracht des Freundschaftsbundes. Unmittelbar hinter dem Wagen liefen die Angehörigen des Verstorbenen und dahinter folgten die restlichen Trauergäste.

Diese Trauerzeremonie gab es noch bis etwa Ende der 1950-er Jahre. Sie entfiel erst, als eine Leichenhalle auf dem Friedhof gebaut worden war.

Einige Dokumente der alten Begräbnisgesellschaft sind erhalten geblieben, darunter die Statuten von 1690/1691, Handschriften aus den Jahren 1729, 1867 und 1897, ein Kassenbuch aus der Zeit von 1875 bis 1888 sowie Mitgliederlisten. Der langjährige Schriftführer, Martin Epperlein, hatte nach dem Zweiten Weltkrieg diese Dokumente gerettet und sie später an Alfred Vulturius übergeben. Dessen Sohn, Johannes Vulturius, stellte sie vor einigen Jahren dem Auer Stadtmuseum als Dauerleihgabe zur Verfügung.

Die Lade war die „heilige Truhe“ der alten Begräbniskassengesellschaft und später des Freundschaftsbundes. In dieser verzierten Holztruhe mit kunstvoll geschmiedeten Metallbeschlägen wurden die wichtigsten Dokumente aufbewahrt. Zusammenkünfte des Vorstandes hielt man stets bei geöffneter Lade und brennenden Kerzen ab. Beschlüsse durften nur in diesem Zustand gefasst werden. Im Gegensatz zu den alten Akten ist die Lade leider nicht erhalten geblieben.

P.S.:

Ich möchte mich bei Herrn Pfarrer i.R. Jochen Härtwig dafür bedanken, dass ich seine umfangreiche Materialsammlung für Recherchezwecke nutzen durfte.

Reinhard Laukner

Artikel veröffentlicht am 11.09.2019 von Bockauer Nachrichten 10 / 2019