Die Friedenseiche auf dem Gottesacker. (Foto: Reinhard Laukner)
Die Luther-Eiche 2019. (Foto: Reinhard Laukner)
Die Eiche auf dem Gemeindeplatz um 1990. (Foto: Jürgen Espig, Bockau)
Die Eiche im Jahr 2009 mit starken Beschädigungen. (Foto: Jürgen Espig, Bockau)
Fällung am 23. Februar 2011. (Foto: Jürgen Espig, Bockau).

Bockauer Eichen

Bockau

Eichen werden vielfach als deutscheste aller hierzulande wachsenden Baumarten bezeichnet. Die Stieleiche (Quercus Robur) wird offiziell auch Deutsche Eiche oder Sommereiche genannt. Dank ihres harten Holzes und des spät fallenden Laubes galt sie schon bei den Germanen als standhaft. Im Zeitalter der Romantik wurde sie zum Symbol der Treue. Seit dem 19. Jahrhundert taucht dann auch das Eichenlaub auf Fahnen, Uniformen, an Ehrenmalen, auf Hoheitszeichen, Orden und Münzen auf. Gaststätten erhielten den Namen „Eiche“ oder „Deutsche Eiche“. Besonders seit der Reichsgründung 1871 wurden überall in Deutschland zu bestimmten Jubiläumstagen Eichen gepflanzt, so auch in Bockau. Anlass und Zeitpunkt der Pflanzung dieser Eichen gerieten aber oft in Vergessenheit.

Die Friedenseiche auf dem Gottesacker

Dem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und der Gründung des Deutschen Kaiserreiches folgte am 10. Mai 1871 in Frankfurt/Main die Unterzeichnung des Friedensvertrages. Unmittelbar danach kam es überall in Deutschland zu Friedensfeiern.

Die Pflanzung der Friedenseiche am 29. Mai 1871 wurde in Bockau mit der Weihe eines neuen Teiles des Gottesackers verbunden. In unserem Ort hatte die Kirchgemeinde zur Vergrößerung des Friedhofes einen halben Acker Land (1 sächsischer Acker = 5534 m²) geschenkt bekommen. „Diese neue Gottesacker-abtheilung wurde am 2. Pfingstfeiertage eingeweiht und auf demselben eine Friedenseiche gepflanzt. Zur Erinnerung an den Frieden, welcher dem deutsch-französischen Krieg ein Ende machte, ist auch hier hoher Anordnung zu Folge am 2. p. Tr. eine kirchliche Feier abgehalten worden“, schrieb der Verfasser der „Fortsetzung der jährlichen Nachrichten von Bockau“, Nr. 100 zum neuen Jahr 1872.

Diese Eiche ist seit 1958 ein geschütztes Naturdenkmal.

Die Luther-Eiche

Mitten im Dorf, zwischen der ehemaligen Gaststätte „Sachsenhof“ und dem in jüngster Zeit wunderschön rekonstruierten und sanierten ehemaligen „Königlich-Sächsischen Forstamt“, steht eine mächtige Eiche. Sie wurde 1883 gepflanzt. Auch hier erhält man Auskunft in der „Fortsetzung der jährlichen Nachrichten von Bockau“, Nr. 112 für das Jahr 1883. Dort steht u.a. geschrieben:

„Am 10. und 11. November wurde die Feier der 400. Wiederkehr des Geburtstages Dr. Martin Luthers begangen. An beiden Tagen fand früh 6 Uhr vom Kirchturme herab Choralblasen statt. Einige Tage vorher war in der Mitte des Dorfes zum Gedächtnis des Reformators eine Eiche gepflanzt worden.“

Festgottesdienste und ein Festzug zur Kirche unter Mitwirkung der Vereine und der Schulen waren Höhepunkte der Feierlichkeiten in unserem Ort.

Durch die Notiz in den „Jährlichen Nachrichten“ von 1883 wissen wir auch, dass die Eiche an einem Novembertag vor 136 Jahren gepflanzt wurde und warum sie „Luther-Eiche“ genannt wird.

Zu jener Zeit gab es im Ort noch keine Straßennahmen. Die erste Bezeichnung der anliegenden Straße war ab 1912 „Dorfstraße“. In der Nazi-Zeit wurde sie in „Hindenburg-Straße“ und in der DDR-Zeit in „August-Bebel-Straße“ umbenannt.

Erst seit 1991 heißt sie „Lutherstraße“. Die Gemeindevertretung hatte Ende des Jahres 1990 eine Bürgerbefragung zur Änderung einiger Straßennamen durchgeführt. Für die bisherige August-Bebel-Straße standen die Namen „Dorfstraße“ oder „Lutherstraße“ zur Auswahl. Im Amtsblatt für Februar 1991 gab der damalige Bürgermeister, Ludwig Teubner, bekannt, dass die Bockauer Bürger mehrheitlich für die Umbenennung in Lutherstraße votierten. Somit erhielt die alte Dorfstraße den heutigen Namen „Lutherstraße“.

Für 2020 ist eine Neugestaltung des Lutherplatzes vorgesehen, wodurch das Areal um die Eiche herum ein schöneres Aussehen erhalten wird.

Die Erinnerungseiche auf dem Gemeindeplatz

Auf dem Gemeindeplatz stand eine Eiche, die es leider nicht mehr gibt. Sie war 1913 gepflanzt worden in Erinnerung an die Leipziger Völkerschlacht im Jahre 1813. Man tat sich offenbar schwer, der Eiche einen patriotischen Namen zu geben, denn Sachsen war Verbündeter Napoleons und gehörte 1813 zu den Verlierern der Völkerschlacht, in dessen Ergebnis es über die Hälfte seines Territoriums verloren hatte. Dennoch fanden 100 Jahre später überall im Land Feierlichkeiten statt, denn Sachsen war inzwischen Bestandteil des Deutschen Kaiserreiches geworden. Höhepunkt der Feierlichkeiten war 1913 die Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig.

Über das Geschehen in Bockau berichtete das Heft „Fortsetzung der jährlichen Nachrichten von Bockau, Nr. 142 für das Jahr 1913“ wie folgt:

„…Im Mittelpunkt der Feier stand auch hier der durch feierlichen Kirchgang der hiesigen Behörden und Vereine verschönte Festgottesdienst am 19. Oktober. Schon am Abend vorher hatten sich nach Abbrennen eines Höhenfeuers alle Wohlgesinnten zu einer patriotischen Feier vereint. Und am Nachmittage des Festtages selbst wurde, nachdem der erste Zeppelin, der unseren Ort überflog, die gesamte Bewohnerschaft desselben durch sein Erscheinen in noch gehobenere Stimmung versetzt hatte, auf dem hiesigen Gemeindeplatze eine Erinnerungseiche gepflanzt und mit einem markigen: „Seid einig, einig, einig!“ geweiht, dem sich ein Festturnen der beiden hiesigen Turnvereine anschloß.“

Einmal im Jahr herrschte um die Eiche herum reges Treiben, denn immer am Kirmeswochenende wurde der Gemeindeplatz als Rummelplatz genutzt. Dem Baum schenkte man an diesen Tagen allerdings kaum Beachtung, denn Jung und Alt interessierten sich mehr für Riesenrad oder die sogenannte Berg-und-Talfahrt, für Karussell und für die zahlreichen Buden.

Aus dieser Zeit habe ich die Eiche noch als stattlichen Baum in Erinnerung. Als dann der Fahrverkehr zunahm und PKW, Busse und LKW links und rechts eng an der Eiche vorbeifuhren, begann wahrscheinlich ihr Niedergang. Die kleine Absperrung, die den Stamm schützen und der Eiche Bedeutung verleihen sollte, war längst verschwunden. Nach 1990 trugen Schachtarbeiten zur Verlegung von Versorgungsleitungen sowie erhebliche Beschädigungen am Stamm durch Transportfahrzeuge und Baumaschinen dazu bei, dass sich der Zustand weiter verschlechterte.

Schließlich rückte man dem Baum, der den Gemeindeplatz 97 Jahre zierte, mit der Kettensäge zu Leibe.

Der schlichte Stein davor wurde entfernt und ist seither im Bauhof Bockau eingelagert.

Seine Inschrift lautete:

18.X.

1813 – 1913

Heute erinnert nichts mehr an diese Eiche.

Reinhard Laukner
Artikel veröffentlicht am 14.08.2019 von Bockauer Nachrichten 9 / 2019