Blick in die Ausstellung BAU [ SPIEL ] HAUS Foto Roman März
Hermann Finsterlin, "Stilspiel (9 architektonische Grundtypen, 95 Einzelelemente)", 1922 Courtesy: Staatsgalerie Stuttgart, 1974, Schenkung durch die Erben Finsterlins · Foto: Roman März
Alma Siedhoff-Buscher, Kleines Schiffbauspiel, 1923 Courtesy: Joost Siedhoff · Foto: Roman März
22.03.2019 - 16.06.2019

BAU [ SPIEL ] HAUS - Ausstellung im Neuen Museum

90402 Nürnberg

Das Neue Museum Nürnberg feiert 2019, wie ganz Deutschland und viele internationale Partner, nach 100 Jahren die Gründung des Bauhaus in Weimar, das so sehr das Bild unserer Welt verändert hat. Was verbindet das Bauhaus-Jubiläum mit Künstlicher Intelligenz? Was haben die Arbeitswelten des Silicon Valley mit den experimentell-gestalterischen Ansätzen des Bauhaus zu tun? Warum konnte diese legendäre Gestaltungsschule bis heute so stilprägend werden und die Bauhaus-Lehre sich weltweit durchsetzen?

Das Spiel hat bis heute großen Einfluss auf das kreative Arbeiten. Die Bauhaus-Meister erkannten in der experimentellen Auseinandersetzung mit dem Material ein zentrales Moment. Besonders in den Anfangsjahren pflegte man am Bauhaus bewusst das Spiel (im weitesten Sinne) mit aller Lust und Ernsthaftigkeit als Grundlage für jede Art von Gestaltung. Die vielen Feste wurden zum heiteren Zeremoniell, die Bühne zum Labor ungebremster Fantasie mit geistigem und sozialen Klebstoff. Das Potenzial des Spiels im kreativen Prozess kann bis in die Gegenwart hinein verfolgt werden. In den Arbeitswelten der New Economy ist das Spiel zum Kreativitäts- und dadurch Produktivitätsmotor geworden und seine Rolle für die Zukunft ist ausschlaggebend.

Die Ausstellung BAU [ SPIEL ] HAUS verfolgt die Bauhaus-spezifische und bis heute bewährte Einbindung von Spielkonzepten und Spielräumen in die gestalterische Entwicklung anhand thematischer Cluster. Der narrative Faden macht nicht nur historische Spielkonzepte, sondern auch deren vielschichtige Auswirkungen bis hinein in virtuelle Sphären greifbar. Konzeptuelle Gegenüberstellungen und visuelle Analogien sind gewollt: Die Puppenstube von Ludwig Hirschfeld-Mack trifft auf ein aus farbigem Plexiglas gestaltetes Puppenhaus der Künstlerin Laurie Simmons (mit Peter Wheelwright). Alma Siedhoff-Buschers Wurfpuppen setzen sich mit einer Nerf Gun auseinander, ihr berühmtes Spielzimmer für das Musterhaus Am Horn mit Basketballcourts auf den Büroetagen im Silicon Valley. Maria Montessoris Sprachkasten mit verschiedenfarbigen Elementen trifft auf bunte Post-its. Eine Abbildung von Friedrich Fröbels mit einem Gitternetz überzogenen Kindertisch gesellt sich neben eine gerasterte Utopielandschaft von Superstudio und LEGO® Architecture. Weitere Highlights aus dem Bauhaus wie das ikonische Bauhaus-Schach von Josef Hartwig oder Lyonel Feiningers Stadt am Ende der Welt, wie auch Anni Albers textile Entwürfe sind zu sehen, die einen Einblick in die stilprägende Weberei geben. Oskar Schlemmers Homo stützt die These des „Neuen Menschen“. Das Konzept des Ankerbaukastens setzt sich in modularen Kapselhäusern und aktueller Container-Architektur fort. Einfache Schaumzucker-Stab-Konstruktionen sind neben Buckminster Fullers geodätischen Kuppeln anzutreffen, das Zometool-Steckspiel bei der Amazon Sphere. Der Netzwerkgedanke des Bauhaus mündet ultimativ in das gemeinsame Arbeiten, die Co-Kreativität von Zukunftslaboren.

Parallel dazu sind zum Bauhaus zeitgleiche Entwicklungen wie etwa Bruno Tauts Glasspiel Dandanah oder Hermann Finsterlins modularer Baukasten namens Stilspiel vertreten. Auch das prominente Erbe der Hochschule für Gestaltung in Ulm darf nicht fehlen – historische Entwicklungen mit prägenden Elementen werden durchdekliniert: Der Itten-Hocker, als einfacher Holzkubus mit Schlitz, trifft auf den Ulmer Hocker, dieser wiederum auf Hans Gugelots modulares Spielmöbel-System und Van Bo Le-Mentzels Hartz-IV-Möbel, seinen sogenannten Berliner Hocker.

Die Ausstellung BAU [ SPIEL ] HAUS folgt dem dialogischen Prinzip der Kuratoren Thomas Hensel und Robert Eikmeyer. Es ist ein fließendes Miteinander von klassischen Exponaten und neueren Beiträgen mit einer Resonanz zeitgenössischer künstlerischer Beiträge auf Einladung. Liam Gillick hat das Ausstellungsdisplay entworfen, eine Reminiszenz an das Baukastenprinzip und Josef Albers experimentelle Papierfaltungen. Zu den zeitgenössischen Beiträgen gehört auch Eva Grubingers Problem #6, ein im Maßstab stark vergrößertes Geduldsspiel, das die taktile Manipulation unmöglich macht und nur kognitiv entschlungen werden kann. Yto Barrada beweist mit ihrer Installation Tree Identification for Beginners, dass komplexe Vorgänge – hier kritische politische Auseinandersetzungen ihrer Mutter in den 1960er Jahren – durch einfache Grundelemente eines Montessori-Baukastens aufgestellt werden und ihre Visualisierung finden können. Filmausschnitte aus Goshka Macugas Installation To the Son of Man Who Ate the Scroll zeigen einen Roboter frappierend menschlichen Aussehens, wobei die Faszination wie auch die Kritik am System der Künstlichen Intelligenz kritisch beleuchtet wird. Ein für die Ausstellung neu produzierter Film zeigt wie Joost Siedhoff in einer Hommage an sein Kinderfoto aus dem Musterhaus Am Horn – in dem von seiner Mutter Alma gestalteten Interieur – fast 100 Jahre später spielt.

Insgesamt sind in der Ausstellung keine chronologischen Abfolgen entstanden, sondern Assoziationsketten, die beim Bauhaus-Plakat zur Antrittsvorlesung Johannes Ittens Unser Spiel, unser Fest, unsere Arbeit anfangen und bei Olaf Nicolais Arbeit … PARTY ... GAME … WORK ... PARTY … GAME … WORK … PARTY … aus Lettern seines A-New-Font-Alphabets als zeitgenössische Antwort darauf in Form eines Leuchtkastens enden.

Mit Werken u. a. von Friedrich Fröbel, Maria Montessori, Gustav und Otto Lilienthal, Lyonel Feininger, Bruno Taut, Walter Gropius, Hermann Finsterlin, Johannes Itten, Oskar Schlemmer, Anni Albers, Ludwig Hirschfeld-Mack, Alma Siedhoff-Buscher, Georg Weidenbacher, Max Bill, Hans Gugelot, Hans Brockhage, Renate Müller, Laurie Simmons, Liam Gillick, Olaf Nicolai, Yto Barrada, Goshka Macuga, Eva Grubinger und Thomas Hawranke.

Ausstellungsdauer
22.03.2019 bis 16.06.2019

Ort:

Neues Museum

Staatliches Museum für Kunst und Design Nürnberg

Luitpoldstraße 5

90402 Nürnberg

Telefon: 0911 240 20 69

Fax: 0911 240 20 29

info@nmn.de

www.nmn.de

Artikel veröffentlicht am 01.03.2019 von Neues Museun 17 / 2019